Frau Holle

Frau Holle - Grimms MärchenAutoren: Die Gebrüder Grimm
Unsere Empfehlung: ab 5 Jahren

Höre dir hier unsere Hörbuchfassung an!

In den Hauptrollen: Eine Bäuerin, deren faule Tochter, die fleißige Stieftochter und eine gewisse Frau Holle
Die Handlung: Eine Frau, die mit zwei Töchtern , wovon die eine ihre Stieftochter ist, auf einem Hof lebt, lässt die eigene Tochter faulenzen und die andere die ganze Arbeit im Hause machen.

Eines Tages springt die fleißige in den Brunnen, ihrer Spule hinterher, welche vorher dort hineingefallen ist. Sie landet auf einer Wiese in einer anderen Welt. Dort lernt sie die Frau Holle kennen und erfüllt die Aufgaben, die sich ihr in den Weg stellen. Am Ende wird sie reich belohnt und kehrt zum Hof der Stiefmutter zurück um über alles zu berichten.

Diese möchte nun, dass ihrer echten Tochter das gleiche Glück zuteil  wird…..

Hier geben wir dir ein paar kurze Infos rund ums Märchen und erklären einzelne Wörter oder Begriffe aus dem jeweiligen Märchen

Autoren und Zeit: Die Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) veröffentlichten zwischen 1812 und 1858 in mehreren Bänden und Auflagen ihre berühmten „Kinder- und Hausmärchen„, insgesamt 210 Märchen! Das Märchen Frau Holle veröffentlichten sie 1812.
Übrigens: Die Bezeichnung Gebrüder (statt wie heute Brüder) ist die Mehrzahl (Plural) von Bruder, wie sie früher benutzt wurde. Meistens meint man damit heute aber immer noch historisch wichtige Brüder, wie eben die Gebrüder Grimm oder die Gebrüder Montgolfier, die um 1783 den Heißluftballon erfunden haben.

Das Spinnrad

Haushaltsgeräte haben normalerweise nichts in Märchen verloren. Mit einer Ausnahme: das Spinnrad. Es kommt tatsächlich in einigen bekannten Märchen vor. Mit einem Spinnrad kann man aus Schafwolle Wollfäden für Kleidung oder andere Textilien herstellen. Den Vorgang nennt man „spinnen“, wer dies tut, spinnt also und hat kein Problem damit, „Ja“ zu sagen, wenn jemand fragt: „Sag mal, spinnst du eigentlich??“ Irgendwann entwickelte sich aus der ursprünglichen Bedeutung von „spinnen“ die heutige zweite Bedeutung im Sinne von Unsinn reden oder tun.

Doch zurück zum Spinnrad. Schon Dornrößchen stach sich damit in den Finger und so auch die Goldmarie in diesem Märchen. Übeltäter ist dabei die Spule, auf der ein neuer Faden aufgewickelt wird und an der sich wohl früher ein sehr spitzes Ende befand.

Das Pech
Das Pech, das in diesem Märchen am Ende gemeint ist, ist eine schwarze, zähe und äußerst klebrige Masse, die dem Straßenteer sehr ähnlich ist. Schon unsere Vorfahren stellten es aus Birkenholz her. Im Mittelalter fing man manchmal Vögel, indem man Pech auf Baumrinden schmierte, an dem dann die Vögel kleben blieben. Sie waren dann eben Pechvögel. So kam es zu der heutigen Bedeutung von Pech = Schaden oder Unglück haben.

Bildquelle: Von Jorre – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4302845

Frau Holle
(Interaktiver Märchentext)

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Eine Frau, deren Mann gestorben war, hatte zwei Töchter. Eine war schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die faule und hässliche, weil sie ihre richtige Tochter war, viel lieber.

Die andere musste die ganze Hausarbeit alleine machen. Das arme Mädchen musste sich täglich an den Brunnen setzen und Wolle auf dem Spinnrad zu Fäden spinnen, bis ihm die Finger wehtaten. Einmal passierte es, dass es sich versehentlich in den Finger stach an der Spule und diese mit Blut befleckt war.

Um die Flecken herauszuwaschen, bückte es sich über den Brunnen, aber, oh weh, die Spule glitt ihm aus der Hand und versank tiefer und tiefer im Brunnen. Das Mädchen weinte und lief zur Stiefmutter, um ihr von dem Unglück zu berichten. Die aber schimpfte nur heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach, »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hole sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zurück zum Brunnen und wusste nicht, was es anfangen sollte und in seiner Not sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.

Es verlor die Besinnung und als es erwachte und wieder zu sich kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und rundherum lauter herrliche Blumen blühten. So machte es sich auf den Weg und kam zu einem Backofen. Der war voller Brot, das bereits dampfte.

Das Brot aber rief, »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenne ich. Ich bin schon längst ausgebacken.« Da nahm es den Brotschieber, der gleich dort stand und holte alle Brote nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum.

Der hing voller Äpfel und rief zu ihm, »Ach, schüttel mich, schüttel mich. Wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel nur so herunterpurzelten. Es schüttelte so weiter, bis kein Apfel mehr am Baume war.

Und als es alle zusammen zu einem Haufen gelegt hatte, ging es einfach weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus. Daraus schaute eine alte Frau hervor.

Weil sie aber so große Zähne hatte, bekam es Angst und wollte davonlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach, »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll’s dir gut ergehen. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, denn dann schneit es in der Welt.

Ich bin die Frau Holle.« Weil die alte ihm so zusprach, fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es verrichtete auch alles zu ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer kräftig auf, sodass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Dafür hatte es ein gutes Leben bei ihr.

Es wurde nie beschimpft und stets fein bekocht. Nun, da es so einige Zeit bei der Frau Holle war, da wurde das Mädchen traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Und obwohl es ihm hier tausendmal besser ging als zu Hause, hatte es Heimweh dorthin.

Endlich sagte es zu ihr, »Ich sehne mich nach zu Hause, und wenn es mir auch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht bleiben. Ich muss wieder hinauf, zu den Meinen.« Frau Holle sagte, »Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause möchtest, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.« Sie nahm es daraufhin bei der Hand und führte es zu einem großen Tor. Das Tor öffnete sich, und als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen auf es herab, und alles Gold blieb an ihm hängen, sodass es über und über davon bedeckt war.

»Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,« die ihm in den Brunnen gefallen war. Sie war genauso von Gold überzogen. Daraufhin schloss sich das Tor.

Das Mädchen schloss die Augen. Es begann sich alles zu drehen, so wie damals in dem Brunnen, und als es die Augen wieder öffnete, befand es sich oben in der Welt, nicht weit vom Haus der Stiefmutter. Als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und schrie, »Kikriki, unsere Goldmachie ist wieder hi!« Da ging es hinein zu der Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt war, wurde es freundlich aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der anderen Tochter dasselbe Glück verschaffen. Diese sollte sich nun ebenso an den Brunnen setzen und spinnen, und damit ihre Spule blutig wurde, stach sie sich den Finger an der Dornenhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen, hielt sich die Nase zu und sprang selbst hinterher.

Sie kam wie ihre Stiefschwester auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder, »Ach, zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst ausgebacken.« Die Faule aber antwortete, »Ich hab keine Lust, mich an euch schmutzig zu machen,« und ging weiter. Bald schon kam sie zu dem Apfelbaum, der rief, »Ach, schüttel mich, schüttel mich, meine Äpfel sind alles am Treif!« Sie antwortete aber, »Na, da kommst du mir recht, da könnte mir ja einer auf den Kopf fallen!« und lief davon.

Als sie an das Haus von Frau Holle kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte und ging gleich auf sie zu. Am ersten Tag gab sie sich große Mühe, sie tat fleißig und folgte den Anweisungen, dachte sie doch stets an das viele Gold, welches Frau Holle ihr am Ende schenken würde. Am zweiten Tag aber begann sie schon zu faulenzen und am dritten Tage wollte sie morgens gar nicht mehr aus dem Bett kommen.

Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sie es verlangte und schüttelte es auch nicht, daß die Federn aufflogen. Da hatte Frau Holle genug von ihr und kündigte ihr den Dienst auf. Die Faule war damit sehr zufrieden und glaubte nun, würde der Goldregen kommen.

Frau Holle führte sie auch zu dem großen Tor und sagte, »Das ist zur Belohnung deiner Dienste!« Als sie darunter trat und ihre Arme weit ausbreitete, kam statt des Goldes lauter schwarzes Pech von oben auf sie herabgefallen. Auch ihre Spule war schwarz von Pech. Da kam sie wieder heim, aber sie war ganz mit schmutzigem, klebrigem Pech bedeckt.

Der Hahn, welcher auf dem Brunnen saß, schrie, »Kikeriki! Unsere schmutzige Pechmarie ist wieder hier!« Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht mehr abgehen.