Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen

Das Mädchen mit den Schwefelhölzer (c) LHAutor: Hans Christian Andersen
Unsere Empfehlung: ab 5 Jahren

Höre dir hier unsere Hörbuchfassung an!

Die Hauptpersonen: Ein Mädchen aus armer Familie und ihre bereits gestorbene Großmutter
Die Handlung: Ein Mädchen wird in der Silvester Nacht von seiner armen Familie in die Stadt geschickt um für ein wenig Geld Schwefelhölzer zu verkaufen. Unter eisigen Bedingungen läuft sie los, doch es findet sich niemand der ihr etwas abkauft. So entscheidet sie sich in ihre Verzweiflung die Hölzchen einfach anzuzünden und erlebt die Silvesternacht mit ihrer verstorbenen Großmutter.

Hier geben wir kurz Infos zur Entstehung des Märchens und erklären einzelne Wörter oder Begriffe aus dem jeweiligen Märchen

Autor und Zeit: Das Märchen hat Hans Christian Andersen (1805 – 1875) aus Dänemark im Jahr 1845 geschrieben

Die Schwefelhölzer
Heute heißen diese kleinen Feuermacher Streichhölzer oder Zündhölzer und auch heute enthalten sie im Streichholzkopf als brennbaren Stoff Schwefel. Früher bestanden Schwefelhölzchen nur aus einem Holzstäbchen, das an einem Ende mit Schwefel bestrichen war und die sich erst in einer Glut entzündeten, und sahen so aus:
Unser armes Mädchen aus dem wunderschön-traurigen Märchen hat aber wahrscheinlich bereits solche Sicherheitsstreichhölzer benutzt, die man – wie heute – an einer Reibfläche, die roten Phosphor enthält, entzündet.
Es fror Stein und Bein
Ein Ausdruck für starken Frost im Winter, in dem sogar Steine frieren sollten und unsere Beine sowieso.

…niemand hatte ihm den geringsten Pfenning geschenkt
Pfennige waren schon seit dem Mittelalter die kleinste Einheit einer Währung und hatten den geringsten Wert. Bei uns wurden sie erst 2002 durch den Cent abgelöst.

ein Ofen mit Messingkugeln und Messingrohr

Die früheren Holz- und Kohleöfen hatten außen oft viele Verzierungen wie Kugel, Muster und anderes. Wenn dies alles und sogar das Ofenrohr dann aus Messing bestand, waren sie besonders wertvoll. Messing ist eine hellgelbe, fast wie Gold aussehende Metallmischung aus teurem Kupfer und weniger teurem Zink. Solche Metallmischungen nennt man Legierungen.

Die früheren Holz- und Kohleöfen hatten außen oft viele Verzierungen wie Kugel, Muster und anderes. Wenn dies alles und sogar das Ofenrohr dann aus Messing bestand, waren sie besonders wertvoll. Messing ist eine hellgelbe, fast wie Gold aussehende Metallmischung aus teurem Kupfer und weniger teurem Zink. Solche Metallmischungen nennt man Legierungen.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen
(Interaktiver Märchentext)

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An einem frostigen Sylvesterabend

Es fror Stein und Bein, es schneite und die Nacht sank hernieder. Es war der letzte Abend des Jahres.

In dieser Kälte und Dunkelheit ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen, mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Als es das Haus verließ, hatte es Pantoffeln angehabt, aber was half das? Es waren große Pantoffeln, von ihrer Mutter getragene Pantoffeln. So groß waren sie, dass sie sie verlor, als sie über die Straße rannte, denn zwei Wagen jagten wie wild daher. Der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden, den andern hatte ein Junge erwischt und lief damit fort; er meinte, er könne ihn recht gut als Wiege benutzen, wenn er selbst erst Kinder hätte.

Da ging nun das kleine Mädchen auf nackten kleinen Füßen, die rot und blau vor Kälte waren. In einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund davon in der Hand. Niemand hatte den ganzen langen Tag ihr etwas abgekauft, niemand ihr einen Pfennig geschenkt. Hungrig und verfroren war es und sah ganz verschüchert aus.

Die Schneeflocken bedeckten ihr langes blondes Haar, das sich hübsch im Nacken lockte. Aber daran dachte es kaum.
Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und es roch herrlich nach Gänsebraten und daran dachte es.

Im eisigen Häuserwinkel

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße  vorsprang als das andere, setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen. Die kleinen Füße hatte sie an sich gezogen; aber es fror immer noch, und nach Hause zu gehen wagte es nicht. Es hatte ja keine Schwefelhölzchen verkauft und nicht einen einzigen Pfennig bekommen, der Vater würde es schlagen.

Auch zu Hause war es auch kalt. Über sich hatten sie nur das Dach, durch das der Wind pfiff, wenn auch die größten Spalten mit Stroh und Lumpen zugestopft waren.

Im Schein der Schwefelhölzchen

Ihre kleinen Hände waren beinahe vor Kälte erstarrt.

Ach! ein Schwefelhölzchen konnte ihr gar wohl tun, wenn sie nur ein einziges aus dem Bunde herausziehen, an die Wand streichen und sich die Finger erwärmen dürfte.

Sie zog eins heraus – ritsch!, wie es sprühte, wie es brannte! Es war eine warme, helle Flamme, wie ein kleines Licht, als sie die Hände darüber hielt. Es war ein wunderbares Lichtchen! Es schien dem kleinen Mädchen, als säße sie vor einem großen, eisernen Ofen mit blanken Messingfüßen und einem Messingrohr. Das Feuer brannte so schön und wärmte so gut! Das kleine Mädchen streckte die Füße aus, um auch sie zu wärmen – da erlosch die Flamme, der Ofen verschwand. Es hatte nur den kleinen Rest des abgebrannten Schwefelhölzchens in der Hand.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde sie durchsichtig, wie ein Schleier. Es konnte gerade in die Stube hineinsehen, wo der Tisch mit einem schneeweißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt war. Die gebratene Gans, mit Äpfeln und Pflaumen gefüllt, verströmte einen köstlichen Duft. Und was noch wunderbarer war: die Gans sprang von der Schüssel herunter und wackelte über den Fußboden, Messer und Gabel in der Brust, gerade auf das arme Mädchen zu.

Da erlosch das Schwefelhölzchen und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.

Die Sternschnuppe und die Großmutter

Sie zündete noch ein Hölzchen an. Da saß sie nun unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum, der noch größer und schöner war als der, den es am Heiligabend hinter der Glastür bei dem reichen Kaufmann gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie sie in Schaufenstern zu sehen waren, lächelten ihm zu. Das kleine Mädchen streckte die Hände danach aus – da erlosch das Schwefelhölzchen. Die Weihnachtslichter stiegen höher und höher und es sah sie jetzt als glänzende Sterne am Himmel. Einer von ihnen fiel herunter und zog einen langen Funkenschweif hinter sich her.

„Jetzt stirbt jemand!“, dachte das kleine Mädchen, denn die alte Großmutter, die Einzige, die gut zu ihm gewesen, aber schon lange tot war, hatte ihr erzählt: „Wenn ein Stern vom Himmel fällt, steigt eine Seele zu Gott.“

Sie strich wieder ein Hölzchen an der Mauer an, und in dem Glanz stand die alte Großmutter so klar, mild und liebevoll.

„Großmutter!“, rief die Kleine. „Nimm mich mit! Ich weiß, du wirst nicht mehr da sein, wenn das Schwefelhölzchen erlischt, du verschwindest wie der warme Ofen, wie der Gänsebraten und der Weihnachtsbaum!“

Die letzten Schwefelhölzchen

Und es strich schnell den ganzen Rest Schwefelhölzchen an, denn es wollte, dass die Großmutter bei ihm bliebe. Und die Schwefelhölzchen leuchteten mit einem solchen Glanz, dass es heller wurde als am hellen Tag. Großmutter war früher nie so schön, nie so groß gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen in ihre Arme, und sie flogen freudig hoch hinauf, wo es weder Kälte noch Hunger noch Angst – sie waren bei Gott.

Neujahrsmorgen

Aber im Winkel des Hauses saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen und mit lächelndem Munde – tot, erfroren am letztem Abend des alten Jahres. Die Neujahrssonne ging über dem toten Kinde auf, das dort mit den Schwefelhölzchen saß, von denen ein Bund fast abgebrannt war.

„Es hat sich wärmen wollen!“, sagte man. Niemand ahnte, was sie Schönes gesehen hatte, in welcher Pracht es mit der Großmutter ins neue Jahr gegangen war.

Hans Christian Andersen (1805-1875)